Anmelden

Einloggen

Username *
Password *
an mich erinnern

logo

Mi, 27.Jan 2021

Zukunft der Kaminfeger - auch für uns interessant?

Zukunft der Kaminfeger - auch für uns interessant?

 

Wirtschaft


Viel Glück, Kaminfeger!

Wegen des Klimawandels sollen Häuser keine Ölheizungen mehr haben. Also verschwinden die Kamine – und dann die Kaminfeger. Oder doch nicht?

Der Beruf hängt an seinen Symbolen. Von Daniel Meier

Vor welchen Veränderungen die Kaminfeger stehen, zeigt sich an einem Problem, mit dem sie neuerdings zu kämpfen haben. Da viele Kamine nicht mehr in Gebrauch sind, hat man begonnen, sie für anderes zu nutzen. Elektrotechniker bohren im Keller ein Loch hinein und verlegen von dort aus Glasfaserkabel in die oberen Stockwerke. Allerdings geht manchmal vergessen, vorher abzuklären, ob der Kamin wirklich unbenutzt ist. Irgendwann kommt der Kaminfeger, zieht seine Bürste durch – und reisst dabei die Kabel heraus.

Glasfasern im stillgelegten Kamin: Hier trifft die Zukunft auf die Vergangenheit. Seit über 350 Jahren gibt es den Kaminfeger, viele Krisen hat er überstanden. Doch nun scheint die Lage ernst. Im Oktober hat der Verband angekündigt, das Referendum gegen das CO2-Gesetz zu unterstützen. Kurz fragt man sich, weshalb die Männer und Frauen in Schwarz, die so viel Vertrauen und Sympathien geniessen, gemeinsam mit Auto- und Erdöllobby in diesen Kampf ziehen. Aber eigentlich ist die Antwort klar: Es geht um ihr Überleben. Da die Schweiz bis 2050 oder früher klimaneutral sein soll, muss auch der Ausstoss der Gebäude sinken. Das läuft darauf hinaus, dass fossile Brennstoffe wie Öl und Gas verboten werden. Schlechte Aussichten: Wo kein Feuer ist, da ist auch kein Rauch, kein Kamin – keine Arbeit.

Stirbt er aus? Paul Grässli, 59, schmunzelt. Er fährt mit seinem Auto von Grabs (SG) zum Buchserberg, wo er in einem Ferienhäuschen die Heizung einschalten wird, damit der Besitzer nicht frieren muss, wenn er gegen Abend anreist. Als Grässli vor vierzig Jahren in die Lehre ging, musste er noch in Kamine

ine­schlüfe.

Das rote Halstuch vor dem Mund, stieg er hinein und kletterte hoch, indem er sich mit den Ellbogen seitlich abstützte. Mit Kratzeisen wurde der Russ von der Wand gekratzt. Das macht niemand mehr, heute stösst man die Bürste mit einer flexiblen Rute hinauf. «Unser Ende wurde oft vorausgesagt», erzählt Grässli. Die Kohle sei verschwunden, der Elektroherd habe Holzöfen verdrängt, nun ersetze man die Ölheizungen durch Fernwärme und Wärmepumpen. Aber aussterben? «Im Gegenteil!»

Grässli muss Optimist sein. Als neuer Verbandspräsident von Kaminfeger Schweiz setzt er alles daran, den Beruf zu retten. Deshalb kämpft er auch gegen das CO2-Gesetz, das «viel kostet und nichts bringt». Dass es den Klimawandel gebe, stehe aber fest, das wolle er betonen. Energiewende ja, aber sicher nicht so schnell, findet Grässli. Übrigens sei Kaminfeger ein Umweltberuf, denn dank regelmässiger Wartung verbrauche jeder Brenner weniger Öl und Gas. Pro Jahr spare das eine halbe Million Tonnen CO2, das habe man berechnet.

Holz, der letzte Brennstoff

Der Energiemix mache es aus. Und es ist kein Zufall, dass sich Grässli mehr Holz wünscht. Holzpellets gelten, sofern man den Feinstaub im Griff hat, als ökologisch unbedenklich. Daher könnte es der letzte Brennstoff sein, der verfeuert werden darf. Seine Bedeutung hält sich aber in Grenzen, auch wenn Grässli, nebenher Ofenbauer, erfreut feststellt, dass Leute in Wohnblöcken mit Fernwärme gerne zusätzlich ein Cheminée in der Stube haben. Ein einfaches Rohr führt aufs Dach, und so steigt über dem Haus doch ein Räuchlein auf.

Tatsache ist: Moderne Gebäude haben oft gar keinen Kamin mehr. Öl- und Gasfeuerungen gehen stark zurück. Mancher Kanton hat sie in Neubauten oder als Ersatz für alte Öfen faktisch verboten. Die Folgen zeigen sich etwa in der Stadt Basel. 1980 waren dort 45 Kaminfeger tätig. Heute sind es sieben. Grässli bestreitet nicht, dass es schwerer wird. Da der Staat den Wechsel auf Wärmepumpen massiv fördere, schrumpfe die Branche sicher. Aber: «Wir dürfen nicht schwärzer malen, als wir herumlaufen!» Rund 1650 Kaminfeger gibt es noch. Vor 25 Jahren sollen es laut einer Schätzung doppelt so viele gewesen sein. Der Verband hat dazu keine Zahlen. Der Umsatz liegt bei etwa 150 Millionen Franken pro Jahr.

Der Kaminfeger von morgen, sagt Grässli, müsse neue Tätigkeiten übernehmen. Dazu könne der Unterhalt von Wärmepumpen gehören – ausgerechnet! Viel zu tun geben sie allerdings nicht. Grässli hat viele Ideen, manches sind kleine Dinge wie die vorgewärmte Ferienwohnung. Steige er aufs Dach, um den Kamin zu kontrollieren, ersetze er manchmal zwei, drei kaputte Ziegel – ohne gleich den Dachdecker zu verärgern. Man könne auch die Solaranlage reinigen oder mit einer Drohne für den Hauseigentümer das Dach filmen. Sich als Dienstleister verstehen, das sei wichtig, sagt Grässli. «Aber manche von uns sind träge geworden durch das Monopol.» Lange waren die Bezirke fix zugeteilt, Kunden hatten keine Wahl. Einige Kantone halten es bis heute so.

Derzeit läuft die Reform des Lehrberufs. Die Energieberatung, der Umweltschutz oder der Unterhalt von Lüftungen könnten eine wichtige Rolle spielen. Aber wäre Kaminfeger noch der richtige Name? Seit Jahren diskutiert die Branche darüber, doch ein Wechsel bleibt chancenlos. Grässli, der einen über hundert Jahre alten Zylinder aus Maulwurffell besitzt, findet, es wäre dumm. Auch wenn er heute eher ein Fachmann für wärmetechnische Anlagen sei, wolle er nicht Wärme-irgendwas heissen. Man würde zu viel aufs Spiel setzen, fürchtet er. Dem Kaminfeger vertraue man wie früher dem Pfarrer, sogar den Hausschlüssel händige man ihm aus. «Und wir gelten immer noch als Glücksbringer – gibt es etwas Besseres?»

Das Bedürfnis nach Wärme

Einst führten Ablagerungen von Russ, Pech und Schwefel zu Kaminbränden, ganze Dörfer brannten nieder. Weil der Kaminfeger durch seine Arbeit half, solche Feuersbrünste zu verhindern, entstand sein Ruf als Glücksbringer. Bis heute erzählt man sich, es bringe Glück, seine schwarzen Kleider zu berühren, und so wird es auch gemacht. Der Aberglaube lebt.

Alte Berufe verschwinden, neue entstehen. Vielleicht gilt das nicht für diesen, der wie kein anderer Symbole auf sich vereint, von dem schwarzen Gewand, dem roten Halstuch über Leiter und Bürste bis zum Fahrrad und zum Zylinder. All das bleibt eng mit dem Namen verbunden, man lässt es nicht einfach so los.

Die Frage scheint nur aufgeschoben. Das Handwerk werde zwar nicht ganz verschwinden, sagt Fred Senn aus Basel, im Beruf tätig seit 1978. «Aber die traditionelle Kaminfegerei – also das Russen der Heizungsanlage – geht zu Ende.» Dass alle wüssten, was Kaminfeger seien, stimme nicht mehr. «In der Stadt ist es mir schon passiert, dass ein Kind mich in meinem schwarzen Gewand angeschaut und gefragt hat: ‹Wer bist denn du›?» Auch Senn hat noch keinen neuen Namen für seinen Beruf gefunden, doch man müsse das angehen.

Der oberste Kaminfeger vertraut derweil auf das menschliche Bedürfnis nach Wärme. Damit meint Paul Grässli weder die Fernwärme noch die Wärmepumpen. «An einem kalten Abend ein paar Holzscheite anzünden und den Flammen zusehen – die Leute mögen das. Und wo Rauch ist, da gibt es auch für uns Kaminfeger etwas zu tun.»

Aus dem NZZ-E-Paper vom 10.01.2021

Mehr in dieser Kategorie: « Statuten VUOG